Die Gesellschaft

Fritz Marchand

Um die Union besser kennenzulernen und verstehen zu können, aus welchen Gründen zwei Heranwachsende in den letzten Wochen des Jahres 1843 sie zu gründen beschlossen, sollte man sich etwas mit der Geschichte der Region befassen, in der sie entstanden ist: das Erguel, eine Grundherrschaft des Bischofs von Basel, der heutige Bezirk Courtelary im Berner Jura.

Das Erguel umfasst das Sankt-Immer-Tal und das kleine Trametal, die durch den Mont-Soleil voneinander getrennt sind. Die Einwohner waren während langer Zeit Landwirte, später Landwirte-Uhrmacher und, ab dem 19. Jahrhundert, nur noch Uhrmacher, die an so genannten Etablis (Werkbänken) im Wohnzimmer des Hofes arbeiteten, später in Ateliers, die sie zuoberst in zwei- oder dreistöckigen Häusern einrichteten, schliesslich in Fabriken und Manufakturen, in denen Hunderte von Angestellten, Arbeiterinnen und Arbeitern Platz fanden.

Bereits zur Zeit der Fürstbischöfe von Basel und der Exzellenzen von Bern lasen die Bewohner des Erguels, der Prévoté von Moutier-Grandval und jene der Neuenburger Berge, welche sich für die Reformation entschieden hatten, während der langen Winter oft in der Bibel und meditierten über die biblische Lehre während sie Früchte genossen. Diese fast tägliche Lektüre prägte den Charakter der Menschen, machte sie nachdenklich und offen für Gerechtigkeit und Wahrheit, schuf Männer, die den Tannen in ihren Wäldern glichen, diesen Tannen, deren Herz gesund und deren Holz weich ist unter der harten Rinde. Die Entdeckung der Werke und Gedanken Jean-Jacques Rousseaus, der sich zu der Zeit in der Nachbarschaft aufhielt, auf der Sankt Petersinsel, in La Ferrière und Môtiers, übte einen grossen Einfluss auf die Bewohner des Erguel aus und viele der Dorfpersönlichkeiten begeisterten sich für die Ideen dieses berühmten Schriftstellers und Philosophen, der von Brüderlichkeit und Gleichheit sprach und «der Tugend der Freiheit» leidenschaftlich zugetan war.

Mit dem Erfolg der Französischen Revolution setzten die Geschehnisse in Paris auch immer mehr die revolutionären Geister im Erguel in Brand. Es brachen Unruhen aus und der Landvogt musste fliehen. Der Fürstbischof gab seinen Stand auf. Während die französischen Truppen vom Norden des Fürstentums her eindrangen, dem heutigen Kanton Jura, ersuchten die Bevölkerung und die Herren aus Biel und aus den Tälern im Süden, die den heutigen Berner Jura bilden, den Kanton Bern um Hilfe und beriefen sich dabei auf jahrhundertalte Verträge. Darauf drangen im Dezember 1797 auf Befehl des Direktoriums die französischen Bataillons in den südlichen Teil des Fürstentums ein, einer Region, die eigentlich seit mehr als zwei Jahrhunderten als helvetisch galt, und verleibten es der benachbarten Republik ein. Die Jahre unter französischer Herrschaft waren keine glücklichen. «In dieser Zeit war das Leben hart und die Steuern lasteten schwer auf der Bevölkerung. Die schlimmste davon war die Waffendienstpflicht, die vielen unserer jungen Männer auf den Schlachtfeldern Europas das Leben kostete.»

Fritz Marchand stammte von Hugenotten ab, die nach der Aufhebung des Edikts von Nantes im Erguel Zuflucht gefunden hatten. Sein Vater Henri-François hatte wie viele junge Männer in den von Frankreich annektierten Regionen in der kaiserlichen Armee gedient. Nachdem er nach der Abdankung von Napoleon in sein Dorf zurückgekehrt war, bearbeitete er wieder seine Felder und führte das Hôtel de la Balance in Sonvilier. Der warmherzige, ergebene Mann war 1829, zusammen mit dem Doyen Morel, an der Gründung der Ersparniskasse des Bezirks Courtelary beteiligt – «als Finanzmann und als Philanthrop» – und spendete der Pfarrgemeinde das Land auf dem die Kirche in Sonvilier gebaut wurde. Er genoss das Vertrauen seiner Mitbürgerinnen und Mitbürger und wurde zum Präsidenten der Gemeinde und der Burgergemeinde gewählt.

Trotz der liberalen Bestimmungen der neuen Berner Verfassung und der proklamierten Gleichheit der Bürger blieben nach 1831 die Lebensbedingungen für viele Uhrmacher schwierig, denn sie arbeiteten viel für einen Lohn, der nicht zum Leben reichte. Und das Schicksal der Bauern und Handwerker war oft nicht viel besser. Trotz des Glaubens, der lebendig blieb, verfinsterte der Alkoholismus das Leben einiger Familien. Die Menschen litten unter Krankheiten, gegen die die Medizin machtlos war. Zurück blieben zahlreiche mittellose Witwen und Waisen, denen es an Unterstützung und Liebe fehlte.

Am Familientisch, im Restaurant seiner Eltern, hörte der junge Fritz Marchand seinen Vater oft mit Freunden und Gästen über politische Probleme sprechen. Das traurige Los der Witwen und Waisen ohne Unterstützung, das Elend der mittellosen Alten, die Hoffnungslosigkeit der Familien, die bei einem Arbeitsunfall oder einer Naturkatastrophe alles verloren hatten, rührten ihn sehr.

Auch die Folgen der Feuersbrünste, die im Juni 1839 zahlreiche Orte im Erguel verwüsteten, beeindruckten den jungen Mann stark.  Im Juli desselben Jahres blieb von der Kirche und 16 Wohnhäusern in St. Immer nur noch die Asche übrig. In Sonvilier zerstörte der Brand vom April 1844 das Schulhaus und 14 Wohnhäuser und machte rund 50 Familien obdachlos.

Fritz Marchand fieberte mit, als seine älteren Brüder «Gerechtigkeit für alle» forderten und mehr Solidarität zwischen den Menschen wünschten. Er nahm auf, was ihm das Familienoberhaupt sagte: «Vergiss nicht einen Augenblick, mein Sohn, dass dein Einfluss sich stets auf deine Umgebung auswirkt, ohne dass du ihn messen kannst. Wenn er gut und fruchtbar ist, fällt er als Segen auf dich zurück.»

 

Das vorbildliche Leben von Fritz Marchand

Am 23. Dezember 1843 beschlossen Fritz Marchand und Jules-César Wille, sich die Hand zu geben, und gründeten so die Union. Während mehr als einem Jahr bestand die Gesellschaft einzig aus zwei Mitgliedern.

Im Februar 1845 treten junge Männer aus dem Dorf bei und nur drei Jahre später werden die ersten Mitglieder von ausserhalb aufgenommen, zwei aus Renan, eines aus St. Immer.

Im Februar 1848 gibt sich die Gesellschaft eine administrative Struktur und richtet ihre erste Hilfskasse ein, ein Erlass gestattet die Gründung von neuen Sektionen. Die Generalversammlung der Mitglieder verabschiedet Disziplinarbestimmungen bei Alkoholmissbrauch und Geldspielen – die schlimmsten Plagen, welche in dieser Zeit zahlreiche Familien heimsuchten und sie zerstörten. Im gleichen Jahr, 1848, wird beim Präfekten von Courtelary ein Gesuch um Vereinsbewilligung eingereicht. Es wird bewilligt und so steht die Union von nun an auf einer legalen Grundlage.

Am 17. Februar 1849 wird ein Reglement betreffend das Verhalten der Gesellschafter angenommen, das «jeden Missbrauch beim Besuch von Wirtshäusern» und «jedes missbräuchliche Spielen» verbietet und Sanktionen bei Zuwiderhandlung vorsieht.

Im Juni 1851 wird das Zentralkomitee erneuert und Fritz Marchand, Vizepräsident, wird an Stelle von Jules-César Wille zum Generalpräsidenten gewählt. 1853 übernimmt Georges Beucler die Spitze der Gesellschaft bis 1860, als er Sonvilier verlässt und Fritz Marchand erneut die Leitung der Union übernimmt.

1847 verfolgt Fritz Marchand voller Emotionen die verschiedenen Phasen, dann den Ausgang der Militärkampagne gegen den Sonderbund, an der zahlreiche Valloniers, darunter die Männer von Sonvilier, teilgenommen hatten.

1848, zu jung, um selber daran teilzunehmen, ist er mit dem Herzen bei diesen hundert Freiwilligen aus dem Erguel, die unter der Führung von Freund Girard nach Renan, Cibourg und La Chaux-de-Fonds ziehen, um den Neuenburger Patrioten zu helfen, das königliche Regime in ihrem Kanton zu stürzen und wieder eine Republik herzustellen. Im gleichen Jahr nimmt er an der Gründung der lokalen Sektion des Schweizerischen Turnverbandes teil, bei dem er Trainer und Vizepräsident ist, bevor er 1850 das Präsidentenamt übernimmt.

Im Dezember 1851, inzwischen 21 Jahre alt, wird Fritz Marchand zum Feuerwehrhauptmann seiner Gemeinde gewählt und erhält zur selben Zeit das Offiziersbrevet der Armee. Er zeichnet sich in seinem militärischen Kommando wie in seinen Führungsrollen im zivilen Leben durch sein psychologisches Feingefühl, seinen Respekt vor Untergeordneten und sein Pflichtgefühl aus.

1854, Fritz Marchand hat sich gerade als «Etablisseur» in der Uhrmacherei beruflich selbstständig gemacht, wird ihm das grosse Glück zuteil, eine eigene Familie zu gründen. Ein Jahr darauf schenkt ihm seine Frau Ida Mathez eine kleine Tochter. Unglücklicherweise stirbt die Mutter kurz nach der Geburt. 1855 ist Fritz Marchand Mitglied der Schulkommission und ein Jahr später Mitglied des Burgerrates.

1857 übernimmt er das Hôtel de la Balance von seinem Vater. Aus gesundheitlichen Gründen kehrt er jedoch einige Jahre später zu seiner ursprünglichen Tätigkeit als Hersteller und Verkäufer von Uhren zurück.

1858 geht Fritz Marchand eine zweite Ehe mit Alixe Quartier-la-Tente ein. Dem Paar werden drei Kinder geschenkt.

«Meine lieben Freunde und Brüder der Union!

Wie schmerzlich ist es doch für mich, liebe Freunde, daran zu denken, dass dieser schöne Tag für die Kinder der Union vorübergehen wird, ohne dass ich ein paar Worte an Euch richten konnte. Es wäre mir angenehm, wenn ich es mündlich tun könnte, während ich Euch sehe und Euch die Hand der reinen Brüderlichkeit reiche. Dieses Glück wird mir nicht zuteil, beugen wir uns also ohne Murren dem Willen desjenigen, dessen Ratschlag stets vollkommen ist. Was ich Euch, liebe Brüder, in diesem für mich feierlichen Moment sagen möchte, denn für mich ist es wahrscheinlich die letzte Versammlung, an der ich die Ehre habe, mich an Euch zu wenden, was für mich zählt, ist, Euch diese liebe Einrichtung auf eine ganz besondere Art ans Herz zu legen. Oh, bleibt immer einig, voller Brüderlichkeit, die einen für die andern, stets in Eintracht verbunden, und vereint all Eure Bestrebungen, um sie weiterhin blühen und triumphieren zu lassen.

Liebe Brüder! Mir läuft das Herz über vor Dankbarkeit für all Eure Zeichen der Freundschaft, wenn ich Euch die Hand reiche und Adieu sage, mein Herz ist voller Hoffnung auf ein Wiedersehen in der himmlischen Heimat. Adieu, adieu, liebe Freunde, auf Wiedersehen.»

An diesem 26. Juni 1865 schloss Fritz Marchand, umgeben von den Seinen, für immer die Augen. Er wurde nur 35 Jahre alt.